Epigenetik – Was vererben wir Kindern wirklich?
Als Eltern geben wir an unsere Kinder nicht nur den ersten genetischen Code weiter (z. B. Haar- oder Augenfarbe), sondern auch den zweiten: Die Epigenetik. Was heißt das? Durch Umweltfaktoren wie Ernährung, Bewegung, Stress oder Suchtmittelkonsum kann sich unser Erbgut und somit das, was wir an unsere Kinder weitergeben verändern. Das nennt man dann epigenetische Vererbung. Zusammengefasst kann man also sagen: Der Lebensstil wird ebenso vererbt, wie die DNA, mit der jeder Mensch bereits geboren wird.
Genetik ≠ Epigenetik
Viele Menschen gehen immer noch davon aus, dass gewisse Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes Typ 2 oder Herzkrankheiten genetisch vererbt werden. Daraus leiten sie ab: “Meine Eltern haben beide Diabetes Typ 2 bekommen, dann wird es bei mir sicher auch so kommen. Ich kann dagegen nichts tun.” Die Folge ist die Akzeptanz der Krankheit und keine Hoffnung auf Veränderung.
Aber stimmt das? Hier kommt die Epigenetik ins Spiel: Es bestehen zwar gewisse genetische Veranlagungen, aber ob eine Krankheit ausbricht oder an die nächste Generation weitergegeben wird, bestimmt unser Lebensstil. Wir sind unseren Genen also absolut nicht ausgeliefert, sondern können aktiv daran arbeiten bzw. dafür sorgen, dass Gene an- oder abgeschaltet werden. Dabei gibt es natürlich Unterschiede, wie schwer jeder einzelne dafür arbeiten muss. Mehr dazu weiter unten.
Was geben wir an unsere Kinder weiter?
Stress
Auch während der Schwangerschaft können wir uns meistens nicht vollkommen vor Stress bewahren. Leider scheint es hier aber eine epigenetische Übertragung zu geben. Studien zeigen, dass sich Stress während der Schwangerschaft negativ auf die langfristige Entwicklung des Kindes auswirken kann (Q). Diese epigenetischen Veränderungen können das Kind hinsichtlich seiner Stressreaktionsfähigkeit prägen (Q). Heißt übersetzt: Das Kind kann möglicherweise schlechter mit Stress umgehen.
Übergewicht
Einigen fällt es sehr leicht, ein gesundes Gewicht zu halten, weil beide Eltern schlank sind, andere müssen dafür sehr diszipliniert sein, weil der Rest der Familie auch schon übergewichtig ist. Das beschreibt die Epigenetik von zu vielen Kilos. Dabei bestimmen übrigens beide Elternteile, wie der Stoffwechsel des eigenen Kindes wird:
Väter
Bei Männern zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen Ernährungsgewohnheiten und epigenetischen Veränderungen im Sperma, die den Stoffwechsel der Nachkommen über mehrere Generationen hinweg beeinflussen können (Q). Eine nachteilige Ernährungsgewohnheit kann z. B. eine proteinarme Ernährung sein. In Mäusen fördert eine proteinarme Ernährung des Vaters eine Veränderung der Spermien, die zu mehr Adipositas, Glukoseintoleranz und einer Leberfunktion führt, die der Fettlebererkrankung der Nachkommen sehr ähnlich ist (Q).
Mütter
Die bisherige Forschung vermutet auch eine entscheidende Rolle der Nährstoffverfügbarkeit im Mutterleib für das Risiko von Übergewicht der Kinder. Sowohl eine Unterernährung als auch eine Überernährung des Fötus kann den Stoffwechsel negativ beeinflussen.
Moment – auch Unterernährung führt zu Adipositas? Ja, interessanterweise haben Auswertungen von Hungersnöten in den letzten Jahrhunderten gezeigt, dass auch die Unterernährung der Mutter während der Schwangerschaft das Risiko für Übergewicht erhöhen kann. Ein möglicher Grund dafür: Der Stoffwechsel des Kindes wird auf Sparmodus gestellt, was zu schneller Gewichtszunahme führen kann, sobald wieder genug Nahrung zur Verfügung steht (Q).
Was lernen wir?
Unser Lebensstil hat einen mächtigen Einfluss auf die Gesundheit unserer Kinder! Nicht alles, was wir an unsere Kinder und Enkelkinder vererben ist in Stein (oder die DNA) gemeißelt, sondern zu großen Teilen durch den Lebensstil erworben. Ein Grund mehr, schon vor der Schwangerschaft und Geburt gesünder zu leben – und zwar sowohl Mütter als auch Väter.


